COVID-19-Pandemie verursacht historischen Einbruch der Wirtschaftsleistung im II. Quartal 2020

30.07.2020

Aktuelle Schnellschätzung des WIFO

Gemäß der aktuellen Schnellschätzung des WIFO brach die österreichische Wirtschaft im II. Quartal 2020 gegenüber dem Vorjahr um 12,8% ein. Damit führten die wirtschaftlichen Effekte der COVID-19-Pandemie wie erwartet zu einer Rezession in historischem Ausmaß.

Wichtige Information:

Die aktuelle Situation bedarf Änderungen sowohl in der Erstellung als auch der Publikation von wirtschaftlichen Daten. Die Daten dieser Rechnung gelten als vorläufig, sind mit größeren Unsicherheiten verbunden und werden dadurch vermutlich auch einem größeren Revisionsbedarf als üblich unterliegen.

Das WIFO verzichtet weiterhin bis auf Weiteres auf die Publikation der Trend-Konjunktur-Komponente, da die übliche Aussagekraft dieser Komponente aufgrund des starken Einbruchs am aktuellen Rand nicht gegeben ist. Stattdessen wird in der Darstellung und Beschreibung auf die unbereinigten Jahresveränderungsraten sowie auf die saison- und arbeitstagsbereinigte Veränderungsrate gegenüber dem Vorquartal (Kennzahl laut Eurostat-Vorgabe) fokussiert. Beide Kenngrößen bilden den wirtschaftlichen Einbruch – zumindest in der rezenten Betrachtung – am besten ab.

Die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie zogen einen massiven Ausfall der Konsumnachfrage mit sich. Das spiegelt sich in Wertschöpfungseinbußen der Bereiche Tourismus, Verkehr, Handel, persönliche Dienstleistungen sowie Kunst, Unterhaltung und Erholung wider. Im Gleichklang mit dem internationalen Umfeld brachen auch die heimische Industrie sowie die Exportnachfrage ein.

Nach ersten Berechnungen sank die heimische Wirtschaftsleistung im II. Quartal 2020 um 12,8% im Vergleich zum Vorjahr. Gegenüber der Vorperiode lag das BIP damit um 10,7% (Kennzahl laut Eurostat-Vorgabe) unter der Vorperiode. Der Rückgang dieser Größenordnung erwies sich als einzigartig in den Berechnungen zur wirtschaftlichen Aktivität seit dem Zweiten Weltkrieg. Das Ergebnis für das I. Quartal wurde nur geringfügig revidiert und liegt aktuell bei –2,8% gegenüber dem Vorjahr und –2,4% gegenüber der Vorperiode.

Die Folgen der COVID-19-Pandemie für die heimische Wirtschaft zeigten im II. Quartal die bisher größten Einbußen. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie sowie die sukzessive Öffnung der Handels- und Dienstleistungsbereiche zwischen Mitte April und Ende Mai bestimmten die wirtschaftliche Entwicklung maßgeblich. In den Bereichen Handel, Instandhaltung und Reparatur von Kfz, Verkehr, Beherbergung und Gastronomie sank die Wertschöpfung gegenüber dem Vorjahr um 27,8% und war mit –5,4 Prozentpunkten für fast die Hälfte des BIP-Rückganges im II. Quartal verantwortlich.

Mit Wertschöpfungseinbußen von 32% waren auch die Bereiche Sport‑, Kultur- und Unterhaltungseinrichtungen sowie persönliche Dienstleistungen unmittelbar stark betroffen. Der negative Wachstumsbeitrag zur gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung fällt mit –0,8 Prozentpunkten indes aufgrund des geringen Gewichts moderat aus.

Auch in den Sektoren Bergbau, Herstellung von Waren, Energie- und Wasserversorgung, Abfallentsorgung brach die Wertschöpfung massiv ein (–20,9%). Angebotseinschränkungen sowie heimische und internationale Nachfrageausfälle prägten die Entwicklung. In der Bauwirtschaft wurde ein Rückgang von 9,2% verzeichnet.

Als krisenresistent erwies sich hingegen die wirtschaftliche Dynamik der Bereiche Information und Kommunikation, Kredit- und Versicherungswesen, Grundstücks- und Wohnungswesen sowie die öffentliche Verwaltung.

Der massive wirtschaftliche Einbruch zog sich auch quer über die Nachfragekomponenten des BIP. Während der private Konsum aufgrund der Einschränkungen in Handels- und Dienstleistungsbereichen einen historischen Nachfrageausfall mit sich brachte (–15,9%) und das BIP maßgeblich dämpfte (–8,3 Prozentpunkte), wurde auch die Investitions- und Exporttätigkeit deutlich eingeschränkt, wenngleich sich hier das Ausmaß der aktuellen Rückgänge im Bereich der Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise 2008/09 bewegt. Die Anlageinvestitionen sanken im II. Quartal um 10,9%, die Exporte um 18,1% – hier drückte der massive Einbruch der Reiseverkehrsexporte die Entwicklung. Die Importe lagen aktuell um 15,3% unter dem Vorjahresniveau, sodass der Außenbeitrag die gesamtwirtschaftliche Entwicklung dämpfte.

Die nächste Rechnung zum II. Quartal 2020 wird vom WIFO am 28. August 2020 veröffentlicht.
 

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Dr. Jürgen Bierbaumer-Polly

Forschungsbereiche: Makroökonomie und europäische Wirtschaftspolitik

Mag. Sandra Bilek-Steindl

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© Waldemar Brandt/Unsplash
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